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Was die Methode auslöst

hierarchien introvertierte komfortzone Apr 20, 2026
Was die Methode auslöst

 

Was passiert, wenn alle bauen

Manchmal sind es nicht die geplanten Inhalte, die einen Workshop besonders machen, sondern das, was im Raum entsteht.

Dieser Artikel ist genau so entstanden: ungeplant. Und gerade deshalb entsteht ein tiefer Blick auf eine zentrale Frage der LEGO Serious Play Facilitation:


Was passiert eigentlich wirklich, wenn Menschen anfangen zu bauen?

 

 

Der Moment vor dem Start

Zu Beginn zeigt sich ein bekanntes Bild: Eine heterogene Gruppe, zurückhaltend, vorsichtig, noch nicht ganz angekommen. Einige kennen sich, viele nicht. Manche setzen sich bewusst zusammen, andere landen zufällig nebeneinander.

Und was auffällt: Es gibt keinen klassischen Einstieg über Vorstellungsrunden. Trotzdem oder gerade deshalb entsteht etwas anderes.

 

 

Wenn Gespräche ohne Vorstellung entstehen

Im Verlauf der Session zeigt sich eine interessante Dynamik: Menschen beginnen, über Zusammenarbeit, Teams und Perspektiven zu sprechen ohne sich vorher über Rollen oder Funktionen definiert zu haben.

Erst am Ende wird teilweise gefragt: „Was machst du eigentlich beruflich?“

Das widerspricht vielen klassischen Workshop-Logiken. Und gleichzeitig zeigt es, was möglich wird, wenn der Fokus nicht auf der Person als Rolle liegt, sondern auf dem, was sie denkt und erlebt.

 

 

 

Das Säckchen als Auslöser

Ein zentraler Moment ist überraschend unspektakulär: Das Verteilen der Steine. Ohne grosse Erklärung passiert bereits sehr viel:

  • Alle haben die gleichen Ressourcen
  • Alle beginnen gleichzeitig
  • Alle sind zunächst mit sich selbst beschäftigt

Damit werden mehrere Dinge gleichzeitig aktiviert:

  • Hierarchien verlieren an Bedeutung, weil niemand mehr oder bessere Mittel hat.
  • Introvertierte Personen bekommen Raum, weil sie Zeit haben, ihre Gedanken zu sortieren.
  • Und die Komfortzone verschiebt sich automatisch, weil das Material ungewohnt ist.

Das Entscheidende: All das passiert, ohne dass es explizit erklärt werden muss.

 

 

Der Moment, in dem es ruhig wird

Ein besonders prägnanter Moment entsteht immer wieder: Nach der ersten Frage. Zuerst wird noch kurz gesprochen. Dann – Stille. Und dann beginnen alle zu bauen.

Diese Ruhe ist ein Zeichen dafür, dass der Prozess greift. Menschen gehen ins Tun, in die Reflexion, in ihre eigene Gedankenwelt. Und genau dort entsteht Qualität.

 

 

Denken mit den Händen

Mehrere Teilnehmende beschreiben im Nachgang etwas, das zunächst widersprüchlich klingt: Sie hatten nur wenige Minuten Zeit und gleichzeitig das Gefühl, endlich wirklich nachdenken zu können. Gerade für introvertierte Personen ist das ein entscheidender Punkt.

Das Bauen schafft einen Raum, in dem Gedanken entstehen dürfen, bevor sie ausgesprochen werden müssen. Es gibt Struktur, ohne einzuengen. Und es ermöglicht, eine eigene Geschichte zu entwickeln, statt spontan reagieren zu müssen.

 

 

Interpretation ist unvermeidbar

Ein spannender Aspekt aus der Session: Teilnehmende beginnen automatisch, die Modelle anderer zu interpretieren. Noch bevor alles erklärt ist, entstehen Hypothesen:

Was könnte das bedeuten?
Warum hat jemand dieses Element gewählt?

Diese Dynamik lässt sich nicht verhindern, und das ist auch nicht notwendig. Denn selbst wenn sich Perspektiven durch das Zuhören leicht verschieben, bleibt der Kern stabil: Die eigene Geschichte ist bereits im Modell verankert. Was sich verändert, sind Nuancen. Ergänzungen. Verbindungen.

 

 

Schönheit, Bewertung und Bedeutung

Ein weiterer wiederkehrender Moment:

Teilnehmende vergleichen ihre Modelle.

„Meins ist nicht so schön.“

Diese Bewertung wirkt auf den ersten Blick harmlos, zeigt aber, wie stark ästhetische Massstäbe verankert sind. Dabei geht es im Kern nicht um Schönheit. Alle arbeiten mit denselben Steinen. Unterschiede entstehen durch Denkweise. Ein Modell ist nicht besser oder schlechter, sondern anders. Und genau diese Unterschiedlichkeit ist der eigentliche Wert.

 

 

Wenn Hierarchie verschwindet

Mit fortschreitender Session wird eine Veränderung spürbar: Hierarchien treten in den Hintergrund, weil der Prozess sie schlicht weniger relevant macht.

Alle bauen.
Alle erzählen.
Alle hören zu.

Das schafft eine Form von Gleichwertigkeit, die sich über Erfahrung herstellen lässt. 

 

 

Facilitation ohne Druck

Ein oft unterschätzter Aspekt: Der Prozess funktioniert, ohne dass ständig gesteuert oder motiviert werden muss. Das Material, die Struktur und die Frage übernehmen einen grossen Teil der Arbeit. Die Rolle der Facilitation verschiebt sich: Weniger antreiben, weniger erklären, mehr Raum halten, beobachten und gezielt Impulse setzen.

 

 

Fazit

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis aus dieser Session ist einfach: Man muss nicht alles erklären, damit es wirkt. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, entsteht Dynamik von selbst. Menschen beginnen zu denken, zu bauen, zu erzählen. Verbindungen entstehen. Perspektiven werden sichtbar.

Und genau dort beginnt die eigentliche Arbeit. Im Erleben dessen, was sie möglich macht.