Podcast: Die Kunst der Fragestellung
Apr 06, 2026
In der LEGO Serious Play Facilitation gibt es einen Moment, der oft unterschätzt wird und gleichzeitig über Erfolg oder Misserfolg eines Workshops entscheidet: die Formulierung der Frage.
Denn während viele auf Methoden, Materialien oder Dramaturgie fokussieren, liegt die eigentliche Hebelwirkung an einem viel unscheinbareren Punkt: der Qualität des Inputs. Oder anders gesagt: shit in, shit out.
Eine gute Frage öffnet Denkräume. Eine unklare oder schlecht formulierte Frage erzeugt Skepsis, Verunsicherung oder im schlimmsten Fall oberflächliche Ergebnisse.
Wenn Fragen nicht landen
Im 1:1-Gespräch lässt sich vieles auffangen. Wenn eine Frage unklar ist, kann man nachschärfen, Beispiele geben oder den Kontext erweitern. Im Workshop-Kontext sieht das anders aus.
Du stellst eine Frage, sie erscheint auf dem Screen, und plötzlich blickst du in acht, zehn oder zwanzig fragende Gesichter. Keine Rückfrage. Kein sofortiges Andocken. Nur Unsicherheit.
Dieser Moment ist kritisch. Denn hier entscheidet sich, ob die Gruppe in den Flow kommt oder gedanklich aussteigt. Genau deshalb ist die Entwicklung von Fragen das zentrale Handwerk in der Facilitation.
Die Kraft der richtigen Struktur
Gerade im sogenannten „Daily Play“ mit dem kleinen Set hat sich eine klare Struktur bewährt. Statt komplexer oder kreativ formulierter Fragen geht es um Präzision und Wiederholbarkeit. Die wirksamste Form ist ein einfacher Lückentext:
Wie sieht für dich das ideale … aus?
Diese Struktur ist nicht zufällig gewählt, sondern erfüllt mehrere Funktionen gleichzeitig:
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„Wie sieht … aus“ lenkt direkt auf das Modell und die Visualisierung
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„für dich“ stellt sicher, dass aus der eigenen Perspektive gebaut wird, nicht für Hierarchien oder Erwartungen
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„ideal“ öffnet den Raum zwischen Bewährtem und Weiterentwicklung
Gerade das Wort „ideal“ ist entscheidend. Es erlaubt sowohl Stabilität als auch Veränderung. Etwas kann bereits ideal sein oder mit kleinen Anpassungen dorthin entwickelt werden.
So entsteht ein Denkraum, in dem sich alle wiederfinden können.
Unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen
Eine der grossen Stärken von LEGO Serious Play liegt darin, dass unterschiedliche Sichtweisen nicht sofort aufgelöst werden müssen.
Wenn zwei Personen unterschiedliche „ideale“ Zustände bauen, entsteht kein unmittelbarer Druck auf Einigkeit. Beide Modelle stehen gleichwertig, sichtbar und greifbar nebeneinander. Das verändert die Dynamik.
Statt Diskussionen über Meinungen entsteht ein Dialog über konkrete Bilder. Unterschiede werden nicht wegargumentiert, sondern erkundet.
Oft zeigt sich dabei:
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Manche Unterschiede sind tatsächlich relevant
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Andere wirken nur gross, verlieren aber im Gesamtbild an Bedeutung
Diese Differenzierung schafft Entspannung im System und öffnet den Raum für echte Verständigung.
Von der Frage zur Verhandlung
Sobald mehrere Perspektiven sichtbar sind, beginnt die eigentliche Arbeit: das Zusammenführen. Nicht im Sinne von Konsens („alle müssen einverstanden sein“), sondern im Sinne von Konsent: Es geht darum, Lösungen zu entwickeln, gegen die es keine fundierten Einwände mehr gibt.
Auch hier zeigt sich die Qualität der ursprünglichen Frage. Nur wenn die Modelle klar, persönlich und relevant sind, entsteht eine belastbare Grundlage für diese Verhandlung.
Deep Play: Warum Fragen hier noch anspruchsvoller sind
Im „Deep Play“ mit dem grossen Set wird die Arbeit mit Fragen noch anspruchsvoller. Hier geht es nicht mehr um eine einzelne Reflexion, sondern um eine aufeinander aufbauende Dramaturgie:
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Fragen entwickeln sich von breit zu spezifisch
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Sie folgen einer klaren inhaltlichen Logik
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Und sie bestimmen die Qualität des späteren gemeinsamen Modells
Gleichzeitig steigt der Druck: Wenn eine Frage nicht trägt, wirkt sich das auf den gesamten weiteren Prozess aus.
Deshalb ist die Entwicklung dieser Fragen ein iterativer, oft anspruchsvoller Prozess – in enger Abstimmung mit Auftraggebenden und basierend auf einem tiefen Verständnis des Kontexts.
Warum gute Fragen echte Handwerkskunst sind
Gute Fragen entstehen nicht zufällig. Sie sind das Ergebnis von:
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Erfahrung
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sprachlicher Präzision
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Verständnis für Gruppenprozesse
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und einem feinen Gespür für das Thema hinter dem Thema
Tools wie KI können dabei unterstützen, Impulse zu geben oder Varianten zu erzeugen. Die finale Qualität entsteht jedoch erst durch menschliche Veredelung. Denn Teilnehmende spüren sehr genau, ob eine Frage Substanz hat oder leer bleibt.
Fazit
Die Frage ist kein Einstieg in den Workshop. Sie ist der Hebel, der alles in Bewegung setzt. Wer LEGO Serious Play wirksam einsetzen will, sollte daher nicht bei den Steinen beginnen, sondern bei der Frage. Denn sie entscheidet darüber, ob aus einem Workshop tiefe Erkenntnisse entstehen.